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über die Künstlerin

Chris Kremberg Nackt.Pur / Körper.Nicht Ort.

 

Wie kann ein verschnürter, auf dem Boden liegender Mensch gleichzeitig ausgeliefert und geborgen wirken? In den neuen Photoserien „Nackt.Pur" und „Körper.Nicht Ort." von Chris Kremberg belegen und besetzen mit Industrieverpackungsmaterial verhüllte menschliche Körper Orte, die des Nachts leer und unwirtlich werden. Die einsame, auf dem Boden liegende oder hockende Figur ist durch ihre Immobilisierung den Einflüssen von außen wehrlos ausgeliefert. Gleichsam bildet die Hülle aus Luftpolsterfolie oder Filz, die sonst materielle Güter vor Schäden schützt, einen wärmenden und polsternden Kokon.

Der Sockel der Hamburger Galerie der Gegenwart, in den letzten Monaten nicht nur Nachts ein Unort, erscheint im Schein des Blitzlichts zum Ort eines Verbrechens geworden zu sein. Bei näherem Hinsehen wird die Verhüllung zum sorgsam geschneiderten Kostüm, das die individuellen Züge zwar versteckt, aber die Haltung des Körpers und sein Verhältnis zum Raum auf schematisierende Weise hervorhebt. Innerhalb der Serie entsteht Bewegung, die den Ort einnimmt und auf merkwürdige Weise belebt.

Die Ausstellung im Künstlerhaus Frise wird mit einer Performance eröffnet, die die gezeigten Serien an frühere photographisch-szenographische Arbeiten der aus Berlin stammenden Künstlerin anbindet. Die Performerin Lina Lindheimer „tastet" den Ausstellungsraum nach einer mit Chris Kremberg ausgearbeiteten Choreographie mit ihrem ganzen Körper in minimalen Bewegungen ab. Auch hier ist das Gesicht verhüllt, was die Gestalt unkenntlich und gleichzeitig blind macht. Dadurch wird der Fokus für die Betrachter auf die elementaren Bewegungen und für die Tänzerin auf die Wahrnehmung der anderen Sinne gelegt.

Die Performerin wird zu einem Bild des Menschen überhaupt, in einem überzeitlichen Zustand der reinen Kreatürlichkeit. Die Performance öffnet den Produktionskreis Chris Krembergs: ihre photographischen Arbeiten beruhen auf Performances, die zunächst nicht für ein Publikum konzipiert sind, sondern für die Kamera. Die aufgezogenen, großformatigen Arbeiten sind also nicht Reminiszenzen oder Dokumentationen, sondern das Ziel. Indem die Performance aber vor Publikum aufgeführt wird, ohne photographisch festgehalten zu werden, gerät ein Teil des Produktionsprozesses auf völlig anderem Wege zum Werk.

 

Nana Tatalovic

Kunstwissenschaftlerin / Kuratorin, Hamburg

 

 

 


 

Chris Kremberg Nackt.Pur

Fotografien

 

Obwohl die Fotografie als statisches Bildmedium gilt, haben Fotografen immer wieder versucht, Elemente der Bewegung in ihre Kunst zu integrieren - wie in der sog. Chronofotografie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts oder in der futuristisch inspirierten Fotografie der 1920er Jahre. Darüber hinaus verband sich die Fotografie seit den 1960er Jahren auch eng mit performativen Kunstformen - zum einen, um öffentliche Performances oder ephemere Projekte anderer Künstler zu dokumentieren (wie bei Joseph Beuys oder Christo & Jean Claude), zum anderen, um eigene performative Projekte in fotografische Serien zu übersetzen (wie bei Jürgen Klauke, Dieter Appelt, Rudolf Schwarzkogler oder Duane Michals).

In dieser Tradition entwickelt auch Chris Kremberg (*1971) ihre eigene szenografisch-fotografische Arbeit. Seit mehreren Jahren arbeitet sie eng mit Tänzern zusammen, studiert Bewegungsabläufe, Körperhaltung, Atmung etc., um sie in choreografierte fotografische Bilder zu übersetzen. Dabei spielt der menschliche Körper als Hülle subjektiver Innerlichkeit und seine sensitive, osmotische Interaktion mit der Umwelt eine wichtige Rolle. Nicht selten agieren die Tänzer in Kostümen, welche die Künstlerin entworfen hat. Für das neue Projekt „Nackt.Pur" entwirft Chris Kremberg mit den Darstellern bzw. Tänzern Haltungen, die das Verhältnis des Einzelnen zum urbanen Außenraum von Großstädten thematisieren. Diese aus ihrer Sicht unwirtlichen, transitorischen Räume, tagsüber stark frequentiert, nachts leer, werden von den Darstellern markiert, besetzt, belebt - symbolisch angeeignet. Gehemmt wird die individuelle Bewegungsfreiheit der Agierenden jedoch durch enge Verhüllungen.

Die formalen Spannungen zwischen Körper und Raum/ Architektur, organischer und unbelebter Dinglichkeit, Bewegung und Hemmung des Bewegungsdrangs bilden die Grundlage einer fotografischen Deutung, die das Verhältnis des Individuums zur gebauten Umwelt der großen modernen Städte als ein prekäres beschreibt.

 

Kai Uwe Schierz